Die Verdolung des Nesenbachs
 

Zu den Landschaftsformen im Raum Stuttgart, wie sie heute zu sehen sind, haben vor allem die Flüsse und die vorliegenden Gesteinseinheiten beigetragen, sowie die unterschiedlichen Klimate in den verschiedenen Entstehungszeiträumen bis heute. Jedoch greift der Mensch auch in immer verstärkterem Maße in die Natur ein und verändert die natürlich entstandenen Formen bis zu einem gewissen Grad. Ein Beispiel dafür ist die Abänderung des natürlichen Flussverlaufs des Nesenbachs im Stadtbereich von Stuttgart.

Der Nesenbach verläuft heute nur noch unterirdisch in einer sogenannten Dole. Die Verdolung dieses Fließgewässers wurde schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts durchgeführt, um der  zunehmenden Wasser- und Bachbettverschmutzung und der damit einhergehenden Geruchsbelästigung am Nesenbach, sowie den immer wieder auftretenden katastrophalen Überschwemmungen im Stadtgebiet entgegenzuwirken.

Ein Grund für diese Überschwemmungen ist die hohe Reliefenergie in den Tälern der einzelnen Zuflüsse.Schon zu Zeiten, als der Nesenbach noch als natürlicher Bach oberirdisch floss, wurde er zur Entsorgung von Abwasser und Abfällen benutzt.

Der Nesenbach vor Durchführung der Renaturierungsmaßnahmen

Quelle: Tiefbauamt Stuttgart



Kanalisierung

 

Kanalisierungen, Gewässerverrohrungen und Verdolungen sind überdeckte Durchleitungen unter ausgedehnten flächenhaften Hindernissen oder in freier Feldlage. Der Abfluss kann mit freiem Wasserspiegel oder unter Druck erfolgen. Gewässer werden verdolt, um Flächen für Siedlungen, Verkehrs- und Industrieanlagen besser nutzen zu können.

Kanalisierungsformen in der Schwälblesklinge

Früher wurde diese Methode auch angewandt, um in landwirtschaftlich genutzten Bereichen Hindernisse, wie sie offene Vorfluter für eine rationelle Bewirtschaftung der Flächen darstellen, zu beseitigen. Kanalisierungen dienen unter anderem zur Ausnutzung von Höhenunterschieden zur Energiegewinnung, zur Heranführung von Wasser für Trink-, Brauch- und Bewässerungszwecke an die Verbrauchszentren und als Flutkanäle zum Hochwasserschutz. Solche technischen Ausbauformen sind durch gleichmäßige, möglichst glatte, das heißt auf maximale Abflussleistung getrimmte Gerinnequerschnitte gekennzeichnet.

Natürlich lässt sich die Verrohrung von Gewässern durch Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen begründen, sie steht aber in völligem Gegensatz zu den hydrologischen, biologischen und ökologischen Aufgaben eines Gewässers. Ein offenes Gewässer ist nämlich zum Beispiel in der Lage, bei Hochwasser und Schneeschmelze Oberflächenwasser schnell aufzunehmen und abzuleiten. Eine Verrohrung kann dieses Wasser jedoch nicht aufnehmen, sofern nicht besondere Einlaufvorrichtungen hierfür geschaffen sind.

Außerdem fällt der Einfluss des Gewässers auf den Bodenwasserhaushalt weg, das heißt, die Grundwassereinspeisung bei Hochwasser und der Grundwasserentzug bei Mittel- und Niedrigwasser fehlen. Ein weiterer Nachteil von Kanalisierungsmaßnahmen ist die Tatsache, dass das Selbstreinigungsvermögen in diesem Abschnitt des Gewässerverlaufs weitgehend verloren geht. Jede naturraumtypische Entwicklung eines Flusses oder Baches ist auf den kanalisierten Strecken vollständig unterbunden (PATT, 1998). 


Kanalisierungsformen

Quelle: PATT, JÜRGING & KRAUS (1998): Naturnaher Wasserbau, Entwicklung und Gestaltung von Fließgewässern. -Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, , S. 94.