Bergsturzgebiete

 

Das Flimser Bergsturzgebiet

(von Simone Plahuta)

Mit einem Hohlvolumen des Abbruchgebietes von 13 km³, einer Ablagerungsfläche von 51 km² und einer Mächtigkeit von bis zu 800 m ist der Flimser Bergsturz der mit Abstand größte Bergsturz der Alpen. Das Abbruchsgebiet befindet sich am Flimser Stein (Kalk mit dazwischengeschalteten Ton und Mergelschichten). Es ist ca. 3 km breit und weist eine Gleitfläche von nur 13-15° auf. Die die Abbruchsnische umgebenden Wände sind bis zu 500 m hoch.

Der Zeitpunkt des Niederganges ist noch umstritten. Wahrscheinlich aber ereignete sich der Sturz um 17.000-13.000 B.P., also gegen Ende des Pleistozäns, im Zuge der abschmelzenden Eismassen und des veränderten Wasserhaushaltes. Auf der Bergsturzmasse befinden sich Moränenmaterial und Erratika, was darauf hinweist, daß das Material noch glazial überformt wurde. Es handelt sich dabei um einen letzten Vorstoß des Rheingletschers und seiner Nebengletscher.

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Abb. 1 Die Abrißnische des Flimser Bergsturzes im Flimser Stein.

 

Die Geologie im Gebiet

Der Flimser Bergsturz befindet sich im Bereich der inneralpinen Längstalfurche, die von hier nach Osten verläuft. Nördlich dieser Furche befinden sich die helvetischen Decken (kalkige, helle Flachmeersedimente), die nach Süden hin einfallen. Südlich der inneralpidischen Längstalfurche befinden sich die penninischen Decken, die hier vom Bündnerschiefer gebildet werden (mehrere 1000 Meter mächtige dunkle Ton- u. Mergelschiefer).

Das Ablagerungsgebiet des Bergsturzes

Das Ablagerungsgebiet weist einen dreieckigen Grundriß auf, welcher durch das Aufbranden des Materials am gegenüberliegenden Bündnerschieferhang verursacht wurde. Die Bergsturzmasse teilte sich auf und breitete sich talauf und talab bis zu 16 km Länge aus. An manchen Stellen beträgt die Mächtigkeit bis zu 800 m! Das Ablagerungsgebiet wird vom Rhein in einer bis zu 600 m tiefen und 15 km langen Schlucht, der sog. Ruinaulta zerschnitten. Die Bergsturzmasse ist von dichtem Wald bewachsen mit etlichen dazwischengeschalteten Hohlformen, kleinen Seen und Mooren.

Das Bergsturzmaterial weist unterschiedliche Korngrössen auf, vor allem an der Basis liegt eine staubfeine Trümmerbrekzie vor die durch Karbonate stark verfestigt ist.

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Abb. 2 u.3: Die Rheinschlucht im Flimser Bergsturzmaterial (z.T. „mylonitisierte" feinkörnige Basisfazies). [Detaillierte Informationen zur Landschaftsgeschichte der Flimser Bergsturzlandschaft enthält die CD-Rom der Exkursion]

Die Tomalandschaft von Domat / Ems

Der Talabschnitt zwischen Chur und Bonaduz ist gekennzeichnet durch mehrere auffallende Hügel (10-68m hoch), die sich aus dem ansonsten flachen Tal erheben. Es handelt sich dabei um sog. Toma.

Im Laufe der Zeit sind etliche Erklärungstheorien aufgestellt worden: Festungswälle, Pferdegräber, Leichenhaufen, Sandhügel als Reste großer Überschwemmungen, Ablagerungen enormer Schlammströme bis hin zur Bergsturzmoräne, die von Gletschern des Churer Stadiums abgelagert wurde. All diese Theorien haben heute keine Gültigkeit mehr.

Die Emser Tomahügel bauen sich bis auf eine Ausnahme aus Malmschutt auf, der von der Calanda stammt. Dies legt die Vermutung nahe, daß es sich bei den Toma um Überreste prähistorischer Bergstürze handelt.

Ursprünglich hatte das Bergsturzmaterial das gesamte Tal bedeckt und den dort befindlichen Wasserlauf zum Aufstau gebracht. Das Wasser hat dann die Schuttbarriere durchschnitten und die abgelagerten Massen wegtransportiert. Hierfür spricht die geringe Masse der Toma im Vergleich zur großen Abbrißnische am Calanda, die Formung und die starke Isolierung der Hügel. Aber auch glaziale Prozesse waren formgebend, was die auflagernde Rheingletschermoräne und Erratika belegen. Anschließend an den Rückzug des Gletschers erfolgte die Aufschotterung durch den Rhein. Dadurch wurde die ganze Talebene mit Kies überlagert und der Fuß der Toma eingeschottert.

An die Tomalandschaft von Domat / Ems schließt sich im Westen das Hügelgebiet von Ils Aults (bei Reichenau) und weiter nördlich die Taminser Hügel an. Auch hierbei handelt es sich um Überreste der Bergstürze vom Kunkelspaß.

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Abb. 4: Die Tomalandschaft von Domat/Ems : Blick von Kirchhügel auf Tuma Casti und Tuma Tschelli

 

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Abb. 5: Blick von Ils Aults über die Tomalandschaft von Domat/Ems in Richtung Chur. Im Vordergund die Ems-Chemiewerke

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Abb. 6: Geologische Kartenskizze der Bergsturzlandschaft zwischen Ems und Illanz. Quelle: HEIERLI, H. (1977).

Literatur:

KIRCHEN, E. (1993): Wenn der Berg stürzt - Das Bergsturzgebiet zwischen Chur und Ilanz. -     132 S.

 

Der Val Pola Bergsturz im oberen Veltin vom 28. Juli 1987

(von Lina Salkauskyte)

1.1 Der Val Pola Bergsturz am 28. Juli 1987 sein Ausmaß und die Folgen

Am 28. Juli 1987 kam es im oberen Veltlin im Bereich des Val Pola zu einem gewaltigen Bergsturzereignis. Gesteinsmassen von rund 40 Mio m³ stürzten mit einer Geschwindigkeit von bis zu 400 km/h über eine Fallhöhe von etwa 1300 m ins Tal der Adda. In zwei Minuten füllten die Gesteinsmassen das Tal. Die Dörfer Morignone (1060 m.ü.M.)und San Antonio Morignone (1070 m.ü.M.) sowie die Weiler Poz und Tirindre wurden bis zu 50 m tief verschüttet und komplett zerstört. 27 Menschen kamen uns Leben. Am Ort gab es keine Überlebenschancen, sogar die Häuser in Nachbardörfern, die etwa 2 Kilometer talaufwärts liegen, wurden stark beschädigt. Es war eine gewaltige Naturkatastrophe, die das Bild der Landschaft nachhaltig verändert hat.

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Abb.1: Morphologische Detailkarte des Bergsturzes vom Val Pola auf Grundlage von Luftbildauswertungen (Quelle: RICHTER, M. (1987): Die Starkregen und Massenverlagerungen des Juli-Unwetters 1987 im Tessin und Veltlin.- Erdkunde, 41 (4): 261-277; Bonn).

Der Trümmerstrom prallte nach dem Überqueren des Talbodens auf den linken Talhang, brandete an diesem 250 Meter empor und teilte sich in zwei Arme. Der eine nahm einen 1km langen Weg talabwärts, der andere reichte bis 1,2 km talaufwärts. Diese enorm großen Gesteinsmengen und die Fallgeschwindigkeit löste entsprechenden Winddruck aus. Es kam zu orkanartigen Luftbewegungen, welche talabwärts am Gegenhang die Nadelbäume abknickten und talaufwärts den Kirchturm von San. Antonio Morignone umlegten.

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Bild 1: Das Bergsturzmaterial ist inhomogen: vom feinsten Staub bis zu 100 Tonnen schweren Blöcken. Der Sturzkegel unterhalb der Abrißnische besteht aus lockerem Material, das durch Wasser mobilisiert werden könnte (Murgefahr).

1.2 Ursachen und Auslöser des Bergsturzes

Der Bergsturz ist eine gravitative Massenverlagerung, der durch das Zusammenwirken vieler Faktoren verursacht wird.

1.2.1 Geologie oder interne Ursachen

Der Val Pola Bergsturz ereignete sich geologisch gesehen im Bereich eines Intrusivkomplexes (Grosio-Diorit), der etwa 30 km² Oberfläche umfasst. Die Adda hat sich mit einem steilwandigen Kerbtal bis zu 1500 Meter tief in das Tiefengestein eingeschnitten. Hinzu kommen auch die tektonischen Störungen am Rande der Intrusion mit typischen Mylonitzonen. (Mylonit: Gestein, das bei der Erdkrustenbewegung an Störungsflächen durch den Druck der sich bewegenden Schollen zerstört /zerrieben/ und wieder verkittet wurde.) Im Laufe der Erdgeschichte haben starke Beanspruchungen des Gesteins, vor allem in den Kontaktzonen zwischen den verschiedenen tektonischen Einheiten, Verwerfungen, Klüfte und Schieferungen hinterlassen. Bedingungen die den Niedergang großer Gesteinsmassen begünstigen und Potential für einen Bergsturz bieten.

Die übersteilen Flanken des V-Tales zwischen dem zerstörten Dorf Morignone und Le Prese haben zu dem Bergsturz beigetragen. Der Talboden liegt bei 1000 m.ü.M., der Abriß – auf 2360 m.ü.M. an der rechten Talflanke unterhalb des 2936 m hohen Monte Zandila.

1.2.2 Klima oder externe Ursachen

Der Auslöser des Val Pola Bergsturzes war ein außergewöhnliches meteorologisches Ereignis mit extrem hohen Niederschlägen, die bis in grosse Höhen als Regen niedergingen. Ein Unwetter am 18./19. Juli 1987 hatte enorme Mengen an Niederschlag auf das Veltlin und das Puschlav gebracht. Innerhalb von zwei Tagen fielen gebietsweise über 200mm Regen. Infolge dessen kam es zu zahlreichen Muren und Rutschungen, die die Täler verwüstet haben. Der Wildbach aus dem rechtsseitigen Val Pola transportierte riesige Geschiebefrachten ins Tal der Adda und staute diese mit einem Schuttkegel zu einem seichten 2km langen See auf. Die Dörfer standen unter Wasser. Eine Woche danach, am 25. Juli wurde beobachtet, wie Steinschlag an der rechten Talflanke einsetzte und vier Tage warnend andauerte. Es gab einen ernsten Grund zur Evakuierung des Dorfes Morignone. Im Gelände entstanden Risse, die aus der Ferne sichtbar waren. Der Val Pola-Bach verschwand in 2200m Meereshöhe in einer neu aufgeklafften, 600m langen Spalte.

1.3 Folgen des Bergsturzes

Die Bergsturzablagerungen vom 28.7.87 stauten die Adda zu einem weitaus grösseren See auf. Das aufgestaute Wasser stieg enorm schnell an und drohte   überzulaufen. Viele Bergsturzseen haben keinen längeren Bestand. Der Bergsturzdamm wird durch innere und äußere Erosion geschädigt, was zum Durchbruch führt. Laut Untersuchungen sind Bergsturzdämme nicht langlebig: 59% brechen innerhalb eines Monats, 91% - innerhalb eines Jahres.

Der Seespiegel stieg innerhalb von 2 Tagen um 15m an. Der aufgestaute See bedeutete vor allem für die talabwärts gelegenen Siedlungen eine unberechenbare Gefahr. Viele Einwohner wurden evakuiert, während gleichzeitig versucht wurde einen künstlichen Abfluss anzulegen. Mithilfe der baulichen Maßnamen wurde die Kontrolle über das Wasservolumen im See geschafft.

Der Stausee versperrte den Weg zum Oberen Veltlin und zu den Schigebieten von Bormio und Val Didentro. Die Erstellung einer provisorischen Strasse erfolgte innerhalb weniger Monate nach dem Ereignis. In den folgenden Jahren wurden gigantische Baumaßnahmen durchgeführt (Kosten ca. 0,5 Mrd. Dollar). Die Adda wird inzwischen durch Stollen unterirdisch am Sturzgebiet vorbeigeführt und auch die Talstrasse verläuft durch kilometerlange Tunnelbauwerke. Da grössere Nachstürze nicht auszuschliessen sind, und die ganzjährige Erreichbarkeit der grossen Fremdenverkehrsorte erste Priorität hat, waren diese Maßnahmen wohl nicht zu umgehen.

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Bild 2: Verbauungsmaßnahmen: Bergsturzdamm und die Sperrentreppe. Blick auf die Engstelle des Addatals im Bereich des Grosiodiorits.

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Bild 3: Blick auf den ehemaligen Stauseeboden. Die Vegetation überdeckt allmählich die Spuren des Naturereignisses. Rechts im Bild ist der untere Teil des Abbruchgebietes zu erkennen.

1.4 Der Bergsturz – eine reine Naturkatastrophe

Naturereignisse dieser Dimension lassen sich nicht verhindern. Bergsturzmassen dieses Ausmaßes entziehen sich jeglicher bautechnischen Kontrolle. In diesem Fall bleibt nur ein passiver Schutz übrig: Beobachtung, Evakuierung der Bevölkerung. Die Behörden haben entsprechend gehandelt, die Todesopfer kehrten entgegen der Verfügungen nach Hause zurück. Die Häufigkeit von Bergstürzen dieser Größe läßt sich höchstens grob abschätzen. Größere Bergstürze im Alpenraum ereignen sich durchschnittlich alle 100 Jahre. Der Bergsturz – eine reine Naturkatastrophe beanspruchte für die Vorbereitung Jahrtausende, währenddessen die tektonischen Einwirkungen, ständige Erosion und Verwitterungsprozesse an der Instabilität des Hanges arbeiteten. Der Bergsturz im Veltlin läßt sich – entgegen vieler vorschneller Pressemitteilungen - nicht mit menschlichen Aktivitäten in Zusammenhang bringen. Weder bauliche Eingriffe, noch Schäden des Waldökosystems stehen in irgendeinem Zusammenhang mit dem Ereignis.